Im Jahr 1845 nahm der Aachener Hütten-Aktien-Verein Rothe Erde die Produktion auf. Das Werksgelände wurde immer größer und zog sich schließlich fast bis zum heutigen Bahnhof Rothe Erde und auf der anderen Seite bis zum Eisenbahnweg.
Das gewaltige Werk zählte zu den modernsten Stahlwerken weltweit. Schon kurze Zeit später verursachte es große Umweltprobleme: Zwar wurde die Abluft nach Osten getragen, doch im Ostviertel war der Schmutz kaum auszuhalten. Außerdem verursachten die Walz- und Hammerwerke erheblichen Lärm. Brunnen versiegen, weil sehr große Wassermengen verbraucht werden.
Die Produktion unterlag starken Schwankungen. Mal stimmt die Qualität nicht. Mal fehlt das Geld für größere Investitionen. Größere Explosionen von Werksanlagen werfen den Absatz zurück.


Die Besitzer der Hütte sind ihren Arbeitern gegenüber nicht wohlgesonnen.
Aufgrund von Absatz- und Qualitätsproblemen, falschen Entscheidungen der Werksleitung und Unregelmäßigkeiten in der Buchführung gibt es ein ständiges Auf und Ab des Stahlwerkes.
Für die Arbeiter ist das Leben sehr hart.
Einstellungen und Entlassungen wechseln sich ständig ab. Das Arbeitstempo und die Normen wurden ständig erhöht. Geringe Löhne, harte Arbeit, ungenügende Pausen und Lohnkürzungen sind an der Tagesordnung.
Besonders schlecht ist die Lage der Arbeiter im Jahr 1906.
Ein preußischer Beamter schreibt dazu: „Die Lage der Arbeiter wird durch die noch immer anhaltende Fleischverteuerung, namentlich des Schweinefleischs, ungünstig beeinflusst.“
Deshalb kommt es zu einem großen Streik. Die Hüttenbesitzer zeigen sich unnachgiebig:
Die Direktion kündigt an, den gesamten Betrieb mit 4.000 Mitarbeitern stillzulegen, wenn die 860 organisierten Walzwerkarbeiter, die in den Ausstand getreten sind, ihre Arbeit nicht wieder aufnehmen.
Auch die in der Arbeiterkolonie „Rötger-Au“ lebenden 13 Familien werden auf die Straße gesetzt und sind obdachlos.
Ihre Forderungen bleiben unerfüllt. Der Streik muss aufgrund fehlenden Streikgeldes beendet werden.
In der Zeit der Weltwirtschaftskrise mit der Hyperinflation ungeahnten Ausmaßes folgen mehrere Streiks.
Juni 2023 Dezember 1923
1 Ei 800 Mark 320 Milliarden Mark
1 Liter Milch 1.440 Mark 360 Milliarden Mark
1 Kilo Kartoffeln 5.000 Mark 90 Milliarden Mark
Sowohl die Werksleitung als auch der Pfarrer der Kirche St. Barbara verbreiten eine große Lüge zum Thema Schließung des Stahlwerks.
Die Arbeiter seien selbst schuld an der Werksschließung, weil sie gestreikt hätten.
Die Kirche ist finanziell von den Hüttenbesitzern abhängig und bläst deshalb ins gleiche Horn.
Und noch heute wird diese Lüge verbreitet.
Die Rothe Erde Hüttenbetriebe verfügten zuletzt über sechs Öfen mit einer jährlichen Kapazität von 200 000 Tonnen Rohstahl
Thomas-Stahlwerk III, errichtet im Jahr 1905. Es ist seinerzeit eines der größten und modernsten seiner Art in Deutschland
Die Aachenen Burtscheider Pferdebahn wird gegründet. Ab 1880 betreibt sie ihr erstes Depot und die Verwaltung in der Scheibenstraße. Aus ihr geht später die ASEAG (Aachener Straßenbahn- und Elektrizitäts AG) hervor.
Ihr Hauptgebäude stand lange Zeit auf dem Adalbertsteinweg. Nach seiner Zerstörung im Zweiten Weltkrieg wird es wieder errichtet. Später wurde die Zentrale in die Neuköllner Straße verlegt. Die Straßenbahnen standen bis zum Ende des Straßenbahnbetriebs im Jahr 1974 in großen Depots in der Talstraße und der Oberstraße.

Am Elsaßplatz entsteht 1882 eine gewaltige Kaserne, die den Namen „Gelbe Kaserne” trägt. Sie erhielt ihren Namen, weil sie mit gelben Klinkersteinen verkleidet wurde. Die alten Kasernen in der Aachener Innenstadt (zum Beispiel in der Kasernenstraße) müssen wegen Platzmangels weichen.
Gegenüber dem heutigen Bahnhof Rothe Erde und der Kronprinzenstraße entsteht die "Rote Kaserne". Hierfür werden rote Klinkersteine verbaut.
Beide Kasernen gibt es nicht mehr. Die Fassade des Bahnhofs Rothe ist heute mit roten und gelben Klinkersteinen verkleidet.
Jenseits der Bahnstrecke wurde im Jahr 1882 die Aachener Exportbier-Brauerei Dittmann & Sauerländer AG gegründet. Zu ihren erfolgreichen Marken zählen u. a. „Vienna Lagerbeer“ und „Drei-Kaiser-Bier“. 1920 wird das Unternehmen geschlossen und die Aktionäre erhalten 107 % ihres Aktienwertes ausbezahlt.
Im Übrigen wird 1885 ein Karnevalsverein gegründet:
Karnevalsgesellschaft Löstige Elsässer (die „Lustigen Elsässer von der Elsaßstraße”).
Ein Teil des Ostviertels wird mit Straßennamen beglückt, die an preußische Schlachten erinnern: Elsass-, Weißenburger, Alsen-, Sedan- und Düppelstraße.
In der Stadt Aachen wohnen 1888 rund 100.000 Menschen.
Die Privatstraße von James Cockerill, die Stolberg und Aachen verbindet, wurde 1885 durch Preußen verstaatlicht. Sie erhält nun den Namen Hüttenstraße.
Im Jahr 1894 wird die Josefskirche eingeweiht. Zugleich wird die Schule Düppelstraße errichtet.
Das Stahlbauunternehmen Strang wurde 1890 an der Philipsstraße gegründet. Damals hieß diese Straße noch Stumpengasse.
Die Offiziere, die in der Nähe der neuen Kasernen wohnten – in der Regel Adelige – benötigten selbstverständlich einen gewissen Luxus. Dazu gehörten großzügige Wohnungen und allerlei Diener und Helferinnen. Zerstreuung fanden sie in den zahlreichen umliegenden Gastwirtschaften.
Die Unteroffiziere wechselten häufig ihren Stationierungsort. Auch sie benötigten allerlei Helfer und Reinigungskräfte. Sie wohnen beispielsweise im Bienenhaus in der Alsenstraße.
Für diese Herren wurden im Stadtteil große, aufwendige Häuser aus Bruchsteinen gebaut, von denen einige bis heute erhalten sind.
Die Wohnsituation der vielen Arbeiter der neu entstehenden Industrie sieht ganz anders aus. Sie leben zunächst in „neuen” Häusern, um trocken zu wohnen. Ergebnis: Zahlreiche Lungenkrankheiten. Außerdem wohnen die kinderreichen Arbeiterfamilien nicht in großen Wohnungen, sondern in Ein- oder Zweiraumwohnungen. Häufig nahmen sie zusätzlich alleinstehende Arbeiter (Kostgänger) auf, um besser „über die Runden” zu kommen.
Im Jahr 1900 leben in Aachen 135.000 Menschen.
Im Jahr 1901 wird in der neuen Barbarastraße die Pfarrkirche St. Barbara eingeweiht. 1875 wurde neben der Kirche eine Schule eröffnet, die später erweitert wurde.
Im Jahr 1902 beträgt die Einwohnerzahl Aachens bereits 140.000.
Im Jahr 1906 wird die Gemeinde Forst in die Stadt Aachen eingemeindet.
1922 leben 156.000 Menschen in Aachen.
Infolge der Niederlage des Deutschen Reichs im Ersten Weltkrieg besetzen die Belgier Aachen und das gesamte linksrheinische Gebiet.
Aachen und somit auch das Aachener Hüttenwerk befinden sich am Rand des Deutschen Reichs. Die Absatzmärkte in Frankreich, Luxemburg und Belgien fallen weg und die Rohstoffpreise steigen gewaltig. Die Vennbahntrasse wird belgisch (bis heute).
1924 erhöht die Reichsbahn ihre Transportpreise drastisch. Das Stahlwerk ist daraufhin nicht mehr rentabel und wird 1926 stillgelegt. Der Abriss dauerte bis 1929.
Die Arbeitslosigkeit stieg in Eilendorf, Forst und den umliegenden Orten teilweise auf über 80 Prozent.
Die Stadt Aachen versucht, die Arbeitslosigkeit durch größere Baumaßnahmen abzumildern.
So entsteht die Siedlung Panneschopp, die vom Architekten Hans Königs entworfen wurde. Im Bauhausstil werden Wohnungen für Soldaten der belgischen Armee und Aachener Bürger errichtet. Auch die Kirche St. Fronleichnam wurde 1930 im Bauhausstil errichtet. In dieser Zeit entstehen zudem der Waldfriedhof und das Waldstadion.
Die belgische Armee verlässt Aachen im Jahr 1929.
In den 1930er Jahren entstehen verschiedene Schrebergarten-Anlagen. Neben Erholung und Geselligkeit dienten sie der Verbesserung der Ernährungssituation durch Obst und Gemüse.
Nach der Schließung der Hütte erwarb ein findiger Geschäftsmann die noch vorhandenen Schuttberge. Die Schlacke wurde als „Original Aachener Rothe Erde” für Sportplätze in ganz Europa verkauft. Dazu zählen das Berliner Olympiastadion von 1936 und das ehemalige Fußballstadion von Borussia Dortmund (Stadion Rothe Erde). „Schlacke-Plätze” gibt es heute nicht mehr, da sie als bleiverseucht gelten.
Die Wertz-Gruppe gründete 1921 ein Unternehmen für Spezialfahrzeuge (z. B. Autokrane).
In den 1920er Jahren siedelt sich die Firma Rheinnadel am Reichsweg an. In ihren besten Jahren beschäftigte sie 2.000 Menschen. In den 1970er Jahren zeichnete sich ab, dass die Nadelproduktion im Raum Aachen keine Zukunft hatte. Der Druck asiatischer Konkurrenten machte die Produktion unrentabel. Ein Zusammenschluss der lokalen Firmen hätte sich vielleicht positiv ausgewirkt. Rheinnadel schloss 2004 seine Produktion am Reichsweg endgültig. Übrig geblieben ist die Rheinnadel Automations AG, die Zuführsysteme herstellt.