Das Ostviertel entsteht

Eine kleine Vorbemerkung:

 

 

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts sah es in Aachen wie folgt aus:

 

Die Stadt ist vollkommen rückständig. Es gibt kaum funktionierende Straßen. Es gibt Schmutz, keine Beleuchtung und Unrat. Es gibt kein funktionierendes Post- oder Gerichtswesen und die Zünfte und Patrizier streiten miteinander. Die wirtschaftliche Lage der armen Bevölkerung ist katastrophal.

 

Die bewohnte bzw. bebaute Stadt endet im Osten am Adalbertstor.

Kaiserplatz/Adalbertstor im Mittelalter
Kaiserplatz/Adalbertstor im Mittelalter

Mit der Besetzung durch französische Truppen im Jahr 1794 gibt es in der Stadt erhebliche Verbesserungen.

 

Das Gebiet, das zuvor aus vielen Klein- und Kleinststaaten bestand, wird nach der Einverleibung zu Frankreich zu einem einheitlichen großen Wirtschaftsraum.

 

Das wirkt sich für Händler wirtschaftlich positiv aus.

 

Aachen wird Hauptstadt des Roer-Départements.


Bis ins 19. Jahrhundert hinein ist die Stadt Aachen immer noch innerhalb des Gebiets der ehemaligen mittelalterlichen Stadtmauern eingezwängt. Die Franzosen ließen die Stadtmauern abreißen, um mehr Stadtraum zu schaffen.

 

Industrielle wollten in Aachen Produktionsstätten zur Stahlherstellung und -verarbeitung errichten. Sie durften sich am östlichen Rand der Stadt niederlassen.

 

Grund dafür ist die vorherrschende Windrichtung aus westlicher Richtung. So sollen die Rauchfahnen der Fabriken nicht in Richtung Stadt, sondern nach Osten ziehen.

 

Dieses Gebiet ist zu dieser Zeit von Wiesen und Feldern geprägt. Der einzige „Ort“ ist Röthgen. Daneben gab es zwei Gehöfte, die den Namen Rothe Erde trugen. Straßen im heutigen Sinne gab es dort nicht.

 

Im Laufe der Zeit wurde aus Röthgen Rothe Erde. Deshalb das „h“ im Namen.

 

  

Um 1800 hatte Aachen ungefähr 24.000 Einwohner.

St. Adalbert nach Abriß des gotischen Tores
St. Adalbert nach Abriß des gotischen Tores
Im Osten von Aachen produzieren
Im Osten von Aachen produzieren
1830
1830

Zwischen dem Adalbertstor und der heutigen Josefskirche gab es zu diesem Zeitpunkt bautechnisch gesehen nichts. Es gibt nur den 1803 vor den Toren entstandenen Friedhof und einige Mühlen wie die Aretz-, Dennewarts- und Pulvermühle sowie viel Wiesen, Felder und einige Gärten.

 

Einmal im Jahr wird vor dem Adalbertstor Kirmes abgehalten.

 

Gleichzeitig beginnt die zaghafte Besiedlung vom Adalbertstor aus in Richtung Elsässer Platz.

Nix los auf dem A-Weg
Nix los auf dem A-Weg

Eingang Ostfriedhof
Eingang Ostfriedhof
Kopfsteinpflaster 1950iger
Kopfsteinpflaster 1950iger

Zur Verbesserung der Hygiene ordnen die Franzosen an, den Kirchhof am Münsterplatz weit vor die Stadt zu verlegen: an die Stelle des heutigen Ostfriedhofs.

 

Die Hygiene verbesserte sich. Das Ausleeren der Eimer in den Straßen wird verboten und Gräben werden gezogen. Bäche wurden kanalisiert und somit Seuchen eingedämmt.

 

Es wird ein funktionierendes Straßennetz errichtet und ein Handelsgesetzbuch sowie Gewerbefreiheit eingeführt. Jedes Haus erhielt eine Hausnummer.

 

Die Franzosen kümmern sich außerdem um den heutigen Adalbertsteinweg. Er wurde von den Römern zwischen Aachen und Trier erbaut und trägt deshalb die Bezeichnung Steinweg.

 

Das lästige Kopfsteinpflaster auf dem A-Weg bis in die 1970er Jahre hat nichts mit dem Namen zu tun.

 

Das gilt auch für den Kölnsteinweg, der heutigen Jülicher Straße. Auch er wurde durch die Römer errichtet.

 

Im Laufe der Jahrhunderte kümmerte sich niemand mehr um diese Straßen. Ihr Zustand verschlechterte sich zunehmend. Die Franzosen ließen den Weg durch spanische Gefangene wieder instandsetzen.

 

Zur Orientierung wurden an bestimmten Punkten Säulen errichtet. Diese sind auch heute noch vereinzelt zu sehen, beispielsweise in Brand oder Walheim.


Im Jahr 1818 fiel Aachen an die Preußen.

 

Was viele Menschen missfällt. In der französischen Zeit hatten sich die Menschen an zahlreiche Freiheiten gewöhnt. Nun kommen die evangelischen Preußen militärisch daher und schränken diese Freiheiten wieder ein.

 

 

Die Verachtung an den preußischen Militärs, drückt Heinrich Heine in Deutschland ein Wintermärchen , so aus:    

 

Ich möchte nicht tot und begraben sein

Als Kaiser zu Aachen im Dome;

Weit lieber lebt' ich als kleinster Poet

Zu Stukkert am Neckarstrome.    

 

Zu Aachen langweilen sich auf der Straß'

Die Hunde, sie flehn untertänig:

»Gib uns einen Fußtritt, o Fremdling, das wird

Vielleicht uns zerstreuen ein wenig.«    

 

Ich bin in diesem langweil'gen Nest

Ein Stündchen herumgeschlendert.

Sah wieder preußisches Militär,

Hat sich nicht sehr verändert.    

 

Zu Aachen, auf dem Posthausschild,

Sah ich den Vogel (preußischer Adler) wieder,

Der mir so tief verhaßt! Voll Gift

Schaute er auf mich nieder.


Im Jahr 1816 leben rund 32.000 Menschen in Aachen.

 

Anlässlich des fünften Jahrestages der Völkerschlacht bei Leipzig treffen sich die Herrscher von Preußen, König Friedrich Wilhelm III., Zar Alexander I. von Russland und Kaiser Franz I. von Österreich am 18. Oktober 1818 während des Aachener Kongresses.

 

Vor dem Adalbertstor findet ein Militärgottesdienst statt. Ein entsprechendes Kongressdenkmal wird 1844 in der Nähe des heutigen Amtsgerichts, wo sich heute ein Parkhaus befindet, errichtet und eingeweiht.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

In der Landwirtschaft werden durch Produktivitätsverbesserungen immer weniger Arbeitskräfte benötigt.

 

Folge:

 

Ein immer größerer Zuzug von Menschen vom Land in die Städte, wie auch nach Aachen, beginnt.

 

Im Ostviertel, im Bereich des Adalbertsteinwegs, entstehen erste kleine Betriebe. Es handelt sich um die für Aachen typischen Betriebe der Nadelherstellung und deren Zulieferbetriebe sowie um Textilbetriebe.

Kongressdenkmal (heute in der Paßstraße)
Kongressdenkmal (heute in der Paßstraße)
Ehemalige Aachener Tuchfabrik Sophienstraße
Ehemalige Aachener Tuchfabrik Sophienstraße


Gleichzeitig zeigt der neu entstehende Kapitalismus sein schlimmstes Gesicht.

 

Arbeiter werden nach Lust und Laune eingestellt und entlassen. Löhne werden nach Gutsherrenart vergeben oder gekürzt. Kinderarbeit ist üblich.

 

Es ist auch üblich, einen Teil des Lohns in Alkohol zu zahlen. Dies führt dazu, dass die Zahl der Gaststätten explosionsartig steigt.

 

Gleichzeitig vernichtet der Alkohol die Existenzen der ohnehin zahlreichen armen Arbeiterfamilien.

 

Im Jahr 1830 kommt es zum ersten Arbeiteraufstand in Aachen. Er wurde durch eine Bürgerwehr blutig niedergeschlagen.

"Lasset uns die Hände reichen
Aachens Schutz und heil'ge Wacht!
Auch ein Wall von Feindes Leichen,
Ist wenn's Noth thut bald gemacht."



Der Industrielle Jacques Piedboeuf ließ 1833 eine Dampfkesselfabrik an der Hüttenstraße errichten.

 

Gleichzeitig begann die Besiedlung vom Adalberttor aus in Richtung Elsaßplatz. (Das Adalberttor ist heute der Kaiserplatz.)

 

Der Industrielle James Cockerill aus Stolberg ließ 1836 eine Privatstraße von Stolberg über Eilendorf nach Aachen bauen. Dafür ließ er sich Mautgebühren bezahlen.

 

Talbot ließ sich zunächst 1838 vor dem Adalbertstor mit einer Fabrik nieder. Zu diesem Zeitpunkt verläuft noch keine Eisenbahnstrecke von oder nach Aachen. Die Waggons mussten aufwendig über schlechte Landstraßen mit Pferdewagen nach Köln transportiert werden.

 

Am Beginn des Adalbertsteinwegs wurde eine Schwimmanstalt eröffnet.

 

 

Im Jahr 1840 hat Aachen rund 44.000 Einwohner.

 

 

Im Jahr 1841 wird die Firma Neuman & Esser gegründet.


Ein einschneidendes Ereignis:

 

Ab 1841 wird das Ostviertel durch den Bau einer eingleisigen Eisenbahnstrecke von Aachen nach Köln durchtrennt. 1843 wurde die Strecke bis nach Belgien verlängert.

 

Dadurch wurde der Warentransport für die Firmen günstiger. Dies verbesserte sich nochmals durch den Bau der Aachener Industriebahn in Richtung des Aachener Kohlereviers sowie durch den Bau der Vennbahnlinie, die bis nach Luxemburg bzw. Frankreich führt.

Der Viadukt Burtscheid
Der Viadukt Burtscheid

Aufgrund der günstigen Bauweise mit Ziegelsteinen entstehen viele Häuser. Die Ziegel dafür kommen aus Eilendorf. Der Rohstoff wird dort aus Tongruben gefördert und vor Ort gebrannt. Die Ziegel sind unregelmäßig in Form und Farbe. Die Bauweise mit Ziegelsteinen ist wesentlich schneller und kostengünstiger als das Bauen mit Bruchsteinen.

 

 

Im Jahr 1865 wurde das Amtsgericht mit Strafanstalt gebaut.

Gefängnis Moulenshöhe 1923
Gefängnis Moulenshöhe 1923

Nach der Vereinigung von Aachen und Burtscheid entsteht ab 1897 direkt neben dem Ostviertel der neue Stadtteil Frankenberg.

 

Er wurde sofort für ein gut situiertes Bürgertum angelegt und vermarktet. Die Frankenberger Bürgerhäuser konnten per bebildertem Prospekt nach Berliner Vorbildern ausgesucht und bestellt werden.

Schönes Viertel - auch heute
Schönes Viertel - auch heute